K U L T U R
 

    Prof. Dr. Peter Paul Watzmannblick:

    “Frühkindliche Prägung. Soziale und lokale Einflüsse während der ersten Lebenstage.”

    Vortrag mit anschließendem internationalen Büfett im Gasthof “Zum Ochsen”, Paslam.
     


    Der gestrige wissenschaftliche Vortrag des Herrn Prof. Dr. Peter Paul Watzmannblick im Versammlungssaal des Ochsen war ein voller Erfolg. Ja, mehr als das, wie auch der derzeitige Inhaber des Bürgermeisteramtes, der Schorsch Filbinger verlauten ließ: „Paslam ist nicht irgendwo Provinz. Paslam ist jetzt sozusagen auf der Landkarte der ernstzunehmenden Wissenschaft aufgetaucht.“
    Ja, manchmal findet auch der Schorsch Worte, denen ich zustimmen kann. Und dieses auch mit voller Ăśberzeugung.
    Die Stimmung im Saal war eine gespannte, als der Herr Professor in Begleitung unseres Herrn Dr. Otfried Tschabobo den Raum betrat. Einige wenige einführende Worte unseres Doktors wurden hie und da von „Hört! Hört! und „Oha!“ begleitet, aber bis auf eine Person in der dritten Reihe wurde dem Herrn Professor Wohlwollen entgegengebracht.

    Und so begann er seinen Vortrag auch sehr verständlich und für Paslamer sehr anschaulich:

    _____________________________________________________________

    „Meine Damen und Herren, wer von Ihnen hat nicht schon von der frühkindlichen Prägung an sich gehört? Wer von Ihnen kennt nicht einen in seiner Nachbarschaft, der durch diese Prägung, die an falschen Orten erfolgt ist, für das Leben gezeichnet und traumatisiert worden ist? Aber halt!

    Liebe Paslamerinnen und Paslamer! Da habe ich soeben „traumatisierst“ gesagt! Warum denn zu dieser Wissenschaftssprache greifen, wenn es auch volkstümlicher und verständlicher geht! Traumatisiert, damit meine ich: Da ist einer, der hat seine Geburt am falschen Ort erlebt. Dort, wo es nicht so schön ist wie in Paslam. Und dieser winzig kleine und in den ersten Lebensstunden und –tagen noch so unschuldige Mensch ist einer Lebensumwelt ausgesetzt, die ihn bis ins Mark schädigt und für die Zukunft zeichnet. Jeder von Ihnen wird so einen Menschen kennen!“

    Hier wurde der Vortrag des Herrn Professor von lautem Beifall und Zwischenrufen unterbrochen „Jawohl. Kennen wir!“,  „Und ob!“, „Es ist schon ein Kreuz mit denen!“

    Als nach 15 Minuten die MaĂźkrĂĽge wieder aufgefĂĽllt waren, fuhr der Herr Professor fort:

    „Liebe Paslamer und Paslamerinnen, aus ihren Äußerungen der letzten Minuten habe ich entnommen, dass Ihnen das Phänomen nicht unbekannt ist. Um aber Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich doch ein wenig weiter ausholen. Ja, überall gibt es sie. Diese Menschen, denen in den ersten Lebenstagen nichts Gutes widerfahren ist. Gewissenlose Eltern halten diese kleinen Wesen fern von den Orten, an denen sie zufrieden gedeihen können. Und es sind gerade die ersten drei Lebenstage, die doch so gewaltig das Wesen eines Menschen prägen. So sind es die Stimmen der Menschen, der Dialekt, die Gerüche, die sich so schnell und früh ihren Weg durch die Synapsen wühlen. Oha! Synapsen, also das sind so Stellen im Gehirn. Näheres ist für das Verständnis dieser verhängnisvollen Prägung nicht so sehr von Bedeutung.
    Also das, was sie bei einem so kleinen Menschen in den ersten Stunden einfräst – hinzu kommt noch die Luft und das ganze soziale Umfeld – das prägt, ja, schädigt fürs Leben.

    Wenn so ein Mensch dann auf Dauer in der Fremde heranwächst, ist das ja eigentlich egal. Da bekommt dieses Menschlein ja gar nicht mit, wie schön es am richtigen Ort sein kann.

    Schaun Sie, liebe Paslamerinnen und Paslamer, wenn  Sie sich nur vorstellen, sie seien auĂźerhalb von Paslam, diesem wunderschönen Kleinod in Bayern, dieser nahezu heilen Welt, geboren und kämen dann nach drei schrecklichen Tagen hierhin – also eigentlich ins Paradies – sie hätten ihr Leben lang daran zu arbeiten. Und Sie wĂĽrden den Therapeuten jeglicher Richtung reichlich Arbeit verschaffen.“

    Hier wurde der Vortrag von einem lang anhaltenden Schluchzen aus der dritten Reihe unterbrochen.

    Wir wollen hier aber nicht den ganzen Vortrag wiedergeben. Gespannt lauschte die Gemeinde den Worten des Professors. Nur soviel fĂĽr die wissenschaftlich Interessierteren unter den Leserinnen und Lesern:
    Die Paslamerinnen und Paslamer erfuhren sehr viel über Phänomene wie Deprivation, Dissizialität, Aggressivität, Depression, Hysterie, Retardierung, Akzeleration, Autismus, Schizophrenie, Spielstörungen, Enuresis, Enkopresis und sogar über Anorexie und Adipositas.
    Und viele der Anwesenden konnten nachvollziehen, welche Schrecken so ein Neugeborenes erfährt, wenn es schreiend und weinend und mit allen Anzeichen von Unlust auf die Welt kommt, und heftigen und kontrastierenden Reizen von Dunkel und Hell, von Stille und Lärm, von Wärme und Kälte, von Hunger und Durst ausgesetzt ist. All diese EinflĂĽsse kann ein Neugeborenes in der richtigen und guten Umgebung verkraften. Aber dann fragte der Professor, wie denn so ein hilfloses Wesen damit klar kommen soll in einer Umgebung, die nicht der Idylle Paslams gleicht. Und da stöhnte die Gemeinde auf! Da spĂĽrte man förmlich, wie diese grausame Vorstellung Besitz ergriff von den Seelen der Anwesenden. Und dann  setzte der Professor den Emotionen des Publikums die Krone auf. Er flĂĽsterte fast: „Und stellen Sie sich vor: So ein Menschlein hat sich nach drei Tagen an diese Umwelt gewöhnt. Und kommt dann … zum Beispiel nach Paslam. Ins Paradies sozusagen ….”
    Das Publikum vergaĂź in dem Moment, zu den MaĂźkrĂĽgen zu greifen.

    So komme ich zu den Schlussworten des Professors.

    „Aber, liebe Paslamerinnen und Paslamer, diese Menschen können ja nichts für ihr Unglück. Nur, wenn sie nicht an ihren Problemen arbeiten, werden sie zu ungenießbaren Zeitgenossen. Sollten Sie so jemanden kennen, dann werden sie auch bestimmte Verhaltensmuster erkennen. Diese Menschen haben eine unheimliche Sehnsucht nach Anerkennung. Nach Integration. Sie werden erleben, dass diese Menschen versuchen, in jegliche Art von Gemeinschaft einzutreten. Sie es einen Partei, sei es ein Sportverein, sei es sonstiges. Das sind dann die so genannten 150prozentigen.

    Sehen Sie es ihnen nach. Nehmen Sie diese Menschen einfach mal nicht nur bildhaft in den Arm. Trinken Sie ein Bier mit ihnen. Geben Sie ihnen ein Pöstchen in einem Verein. Machen Sie einen kleinen Ausflug mit ihnen. Reden Sie mit ihnen. Hören Sie einfach mal zu, was diese Menschen zu erzählen haben. Oft ist es auch so, dass diese Menschen im fortgeschrittenen Alter zur Feder greifen, sich in Leserbriefen äußern, ja, sogar ab und zu mal ein Buch schrieben, in dem sie ihre Probleme darlegen. Das ist dann so einen Art Selbstreinigung. Dafür gibt es auch ein bekanntes Fremdwort, aber das lasse ich mal außen vor.

    Sie werden sehen: Im Kern sind diese Menschen gute Menschen. Denn was können sie dafür, dass ihre Eltern so verantwortungslos gehandelt haben. Zeigen Sie diesen Menschen, dass sie im Grunde liebenswert sind. Und ist es nicht so, dass jeder von uns irgendwo eine Leiche im Keller hat, einen Makel sozusagen? Und denken Sie daran: Es war nicht dieser Mensch an sich, der sich den falschen Ort der Geburt ausgesucht hat. Es waren seine Eltern! Und wenn diese sagen: Aber es waren doch nur drei Tage! Dann entgegnen Sie standhaft: ‚Drei Tage nur! Aber für Ihr Kind DREI TAGE ZUVIEL!!’

    Beziehen Sie Stellung. Und sehen Sie dem armen Kind die Schwächen nach. Seien Sie ihm Vater oder Mutter oder Schwester oder Bruder im übertragenen Sinne. Immerhin haben Sie die Gewissheit, dass da jemand in Ihrer Mitte ist, den Sie für jeden Posten begeistern können, der immer die richtige Partei wählt. Der zu Ihnen gehören will!“

    Unter dröhnendem Applaus beendete der Professor seinen Vortrag. Sogar unser Bürgermeister Schorsch Filbinger stand auf, ging auf den Professor zu, schüttelte ihm kräftig beide Hände.

    Und unser Doktor Otfried Tschabobo lud anschließend alle Gäste zum opulenten internationalen Büfett. Und der Abend wurde lang. Und es waren tatsächlich zu fortgeschrittener Stunde Verbrüderungstendenzen erkennbar. Aber da wollen wir nicht indiskret we

     

 (Gschw.J.)
 

ZUR SEITE 1